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Der Sieg über sich selbst ist das höchste Ziel
Telgte. Gespannte Stille herrschte am vergangenen Wochenende unter den etwa 150 Teilnehmern des viertägigen Sommerlehrgangs des Skotokan Karateverband International Deutschland (SKID) im schwäbischen Aalen, als Reinhard Nawe ein letztes Mal antrat zur Prüfung zum 6. Dan im traditionellem Karate-Do. Eigentlich hatte er gar nicht mehr damit gerechnet. Doch unter den Augen von Bundestrainer Akio Nagai, 8. Dan, und Europa-Cheftrainer Shiro Asano Shihan, 9. Dan, aus Großbritannien musste der Einener noch einmal sein ganzes Können unter Beweis stellen.
Das tat er mit Erfolg (WN berichteten). Nawe ist jetzt der ranghöchste Karateka innerhalb des SKID. Beim Erreichten stehen zu bleiben, das ist Nawes Sache nicht. Sein tägliches Training absolviert er konsequent und diszipliniert. Nawe, die Karatemaschine? Völliger Unsinn, wiegelt der 50-Jährige ab. Karate ist harte Arbeit. Man kämpft permanent auch gegen Gegner, aber meist gegen sich selbst.
Als Kadermitglied des SKID nahm er an unzähligen Turnieren teil. Doch die Siege und Preise haben für ihn keine besondere Bedeutung. Vergeblich sucht man im Hause Nawe nach einer Trophäenwand. Die Medaillen liegen in einer Schublade, die Pokale verstauben im Büro auf einem Schrank. Sportliche Erfolge sind nur ein Augenblick. Der Sieg über sich selbst ist das höchste Ziel.
Schon früh wurde für Reinhard Nawe Karate zum Lebensinhalt. Nachdem er seinen Cousin 1972 eher widerwillig zu einem Lehrgang folgte, gab es für den damals 21-Jährigen kein Halten mehr. Für den Ball hatte ich kein Gefühl, und Mannschaftssportarten lagen mir nicht besonders. Aber der Kampf Mann gegen Mann faszinierte mich schon immer. Ich war ein großer Fan von Muhammad Ali, doch für das Boxen war ich bereits zu alt. So kam ich damals zum Karate, erinnert sich Nawe. Das war noch ganz neu in Deutschland. Die Kung-Fu-Welle kam ja erst später.
Mit einem klapprigen Wagen fuhr er jedes Wochenende zu Karatelehrgängen quer durch Deutschland. Dabei lernte er eines Tages den Bundestrainer des neu gegründeten SKID, Akio Nagai, kennen. Nawe war begeistert und wurde sein Schüler. Das ist er bis heute geblieben. Seine Freundin und spätere Ehefrau Marlies wusste, worauf sie sich einließ. Mir war klar, dass wir gemeinsam auf vieles verzichten würden, erzählt sie.
So verbrachte Nawe denn auch die meisten Nächte an den Wochenenden in Turnhallen, während die Kumpels durch die Discos zogen. Ich brannte auf das Training, der Rest war egal. Wenn ich dann montags wieder zur Arbeit ging, fühlte ich mich oft wie ein geprügelter Hund, aber glücklich. Die Zähigkeit des damaligen Endzwanzigers fiel auch Bundestrainer Nagai auf. Er fördert seitdem das Talent.
1981 bestand Nawe die Prüfung zum 1. Dan, unmittelbar danach wurde die Karate-Abteilung Kamakura im TV Friesen gegründet. Es folgten die Berufung ins SKID-Nationalteam und 1985 die Ernennung zum internationalen Kampfrichter bei der Karate-Weltmeisterschaft in Düsseldorf. Nawe war zu diesem Zeitpunkt 34 Jahre jung kein Alter für einen Karateka.
Gegen Ende der achtziger Jahre beendet Nawe seine aktive Karriere, seine Schüler führte er später noch oft zu Meisterehren. Schon bald wurde die Karate-Abteilung des TV Friesen zu einer festen Größe. Doch zur Muße hatte Nawe keine Zeit. 1996 berief ihn Bundestrainer Nagai nochmals ins Nationalteam für die WM in Italien. Nawe erkämpfte sich die Bronzemedaille mit 44 Jahren.
Als Träger des 6. Dan steht Nawe nun im Rang eines Shihan, eines Großmeisters. Aber von solchen Ehrentiteln will der Einener nichts wissen. Das war meine letzte Prüfung. Natürlich freue ich mich, aber ob ich nun den 5. oder 6. Dan habe, spielt für mich keine Rolle mehr. Für Reinhard Nawe ist Karate-Do ohnehin ein lebenslanger Weg.
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